Die Weltraumökonomie dreht sich immer noch um die Erde
Der Weltraum wird vom staatlichen Forschungsfeld zum privatwirtschaftlichen Markt, angetrieben durch sinkende Startkosten und neue Geschäftsmodelle. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht aber weiterhin vor allem auf der Erde, und damit stellen sich klassische ökonomische Fragen nach Wettbewerb, Regulierung und dem Zugang zu Daten und Diensten aus dem All.
09.10.2026, de Ramon Gmür, Michael Funk
Domaines d'expertise Politique économique, Économie de la concurrence, Économie spatialeEin neuer Raum für Märkte
Rekordhitze, ausgetrocknete Böden oder Tiefstände beim Rhein: Ein Grossteil der Datengrundlage dessen, was diesen Sommer in der Medienberichterstattung zu lesen war, stammt aus dem Weltraum, genauer gesagt von Copernicus-Satelliten. Copernicus ist dabei nur ein sichtbares Beispiel. Auch Navigation und Satellitenkommunikation sind zu einer Infrastruktur geworden, auf die tagtäglich zugegriffen wird, ohne dass sie unbedingt als Teil der Raumfahrt wahrgenommen wird. Der aktuelle Aufschwung der Raumfahrt ist nicht nur eine technologische oder wissenschaftliche Erfolgsgeschichte – er hat das Potenzial für einen ökonomischen Strukturwandel.
Während staatliche Programme wie die ISS einst fast ausschliesslich durch die Forschung getrieben waren, entsteht heute ein komplexes Ökosystem privatwirtschaftlicher Akteure. Investitionen in Trägersysteme, Satellitenkonstellationen oder In‑Orbit‑Fertigung deuten auf die Herausbildung eines dynamischen «New-Space-Markts» hin – eines Markts, der zunehmend die globale Wertschöpfung prägt, dessen wirtschaftliche Entwicklung jedoch weiterhin wesentlich von der Nachfrage nach Anwendungen und Diensten auf der Erde bestimmt wird
Fallende Kosten, steigende Dynamik
Ein wesentlicher Treiber dieses Strukturwandels liegt in den sinkenden Zugangskosten zum Orbit. Der Transportpreis in den erdnahen Orbit (Low Earth Orbit, LEO) ist seit 1960 deutlich gefallen. Wiederverwendbare Trägersysteme haben die Startkosten pro Kilogramm Nutzlast mittlerweile auf durchschnittlich USD 3’800 reduziert (Terzi & Nicoli 2026), was sich unter anderem in der steigenden Anzahl Objekte, die in den Weltraum befördert werden, widerspiegelt (Gaetani & Whalley 2026).
Mit diesen sinkenden Zugangskosten wird erstmals eine echte Skalierung der Raumfahrtindustrie möglich – ökonomisch betrachtet eine klassische Schwelle zwischen forschungsgetriebenem Aufbau und marktwirtschaftlicher Expansion. Damit verändert sich auch die Funktion des LEO: Vom staatlich dominierten Infrastrukturbereich entwickelt er sich zunehmend zu einem kommerziellen Nutzungsraum, in dem neue Dienstleistungen und Märkte entstehen.
Der bekannte Verlauf technologischer Entwicklung
Die Weltraumökonomie folgt dabei einem Muster (Chavy-Macdonald et al. 2024), das in anderen Technologiemärkten immer wieder zu beobachten ist (z. B. Klepper 1996):
1. Staatlich finanzierte Innovationsphase: Grundlagenforschung und Infrastruktur entstehen durch öffentliche Mittel, Wettbewerb spielt eine geringe Rolle.
2. Kommerzielle Skalierungsphase: Sobald die Kosten sinken und Technologien reifen, entsteht Raum für private Anbieter, Spezialisierung und neue Geschäftsmodelle.
3. Konsolidierungsphase: Skalenerträge, hohe Fixkosten und Netzwerkvorteile führen zu einer Reduktion der Anbieter. Der Markt tendiert zur Konzentration, es drohen im Extremfall Monopole.
Als Übergang von der ersten zur zweiten Phase wird dabei oft der Aufstieg von Start-ups in den 2000er Jahren genannt, wobei die Trennschärfe zwischen diesen beiden Phasen umstritten ist (Gaetani & Whalley 2026).
Ein Beispiel, zu dem sich Parallelen ziehen lassen, ist die Halbleiterindustrie: Nach der Erfindung des Transistors 1947 wurde die Miniaturisierung durch militärische und staatliche Programme (u. a. in der Raumfahrt) massiv vorangetrieben. In den Jahren vor der Mondlandung erfuhren dann integrierte Schaltkreise einen staatlichen Nachfrageschub, getrieben durch das Apollo-Programm sowie militärische Raketenprogramme: Der Anteil der staatlichen Nachfrage lag am Anfang bei beinahe 100 Prozent. Ab Mitte der 1960er Jahre sank er deutlich, und die Technologie diffundierte in zivile Anwendungen (Mowery & Rosenberg 1999; Irwin & Klenow 1994).
Auch hier vollzog sich der Übergang vom forschungspolitischen Projekt zu einer global arbeitsteiligen Industrie, in der sich Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette spezialisierten. Schlussendlich ist hier jedoch auch eine starke Marktkonzentration zu beobachten: Heute können lediglich drei Anbieter Chips der modernsten Generation herstellen. Dieses Muster könnte sich in der Weltraumökonomie wiederholen, sind doch bei Trägersystemen ähnliche Entwicklungen erkennbar.
Vom Orbit zur Anwendung
Die Raumfahrtwirtschaft selbst wird zum Lieferanten vielfältiger wirtschaftlicher Infrastruktur: Navigation, Kommunikation, Erdbeobachtung oder Klimadaten bilden längst einen wichtigen Bestandteil moderner Ökonomien. Prognosen gehen davon aus, dass die globale Weltraumwirtschaft bis 2035 ein Volumen von bis zu USD 1.8 Billionen[1] erreichen könnte, wobei der überwiegende Teil davon im Downstream, also in Anwendungen und Diensten auf der Erde, erwirtschaftet wird (World Economic Forum 2024).
Besonders interessant ist auch die entstehende Schnittstelle zwischen Raumfahrt und Hochtechnologie. So etwa im Bereich der Halbleiterproduktion im All, da unter Mikrogravitation Konvektion und Sedimentation entfallen (physikalische, auf der Erde unvermeidbare Störfaktoren). Eine Studie findet hierzu, dass im Orbit gezüchtete Halbleiterkristalle in der Regel bei mindestens einem Qualitätsmerkmal besser abschneiden als ihre irdischen Pendants (Wilkinson et al. 2024). Für eine kommerzielle Nutzung ist es jedoch noch zu früh. Aus ökonomischer Sicht bleibt festzuhalten, dass nicht nur die Technologie, sondern auch Bedingungen wie etwa Startkosten darüber entscheiden, ob hier ein Markt entstehen kann.
Auch die Nachfrage entsteht nicht im All, sondern auf der Erde. Der Weltraum wird damit weniger zu einem eigenständigen Wirtschaftsraum als vielmehr zu einer funktionalen Erweiterung bestehender Wertschöpfungsketten.
Europa und die Schweiz im Orbit
Europa positioniert sich über die ESA‑Programme, die Galileo‑Navigation oder Copernicus‑Erdbeobachtung als eigenständiger Akteur in der entstehenden Weltraumökonomie. Diese Programme fungieren als öffentliche Ankerinvestitionen, die Innovation anschieben und private Beteiligung stimulieren sollen – ähnlich wie die frühe militärische Nachfrage in den USA einst die Halbleiterindustrie belebte (Mowery & Rosenberg 1999).
Auch die Schweiz ist Teil dieses Ökosystems: Mit ihrer Beteiligung an ESA‑Missionen sowie mit spezialisierten Zulieferern und wissenschaftlichen Institutionen trägt sie aktiv zur europäischen New‑Space‑Industrie bei (Kropf & Schwab 2026). An der Mission Artemis II war zudem ein Schweizer Unternehmen beteiligt: Beyond Gravity stellte den Ausrichtungsmechanismus für die Solarflügel her.[2]
In den Downstream-Märkten jedoch, wo Weltraumdaten in wirtschaftlichen Nutzen umgewandelt werden, droht die Schweiz den Anschluss zu verlieren. So wird die Schweiz an der nächsten Programmperiode von Copernicus aus finanzpolitischen Gründen nicht teilnehmen. Damit bleiben Schweizer Akteure von Industrieaufträgen und Echtzeitprodukten ausgeschlossen – obwohl die volkswirtschaftliche Beurteilung, die Swiss Economics hierzu als Entscheidungsgrundlage erstellt hat, ein positives Nutzen-Kosten-Verhältnis erwartet (Swiss Economics 2025). Entscheidend für den volkswirtschaftlichen Nutzen der Raumfahrt ist nicht nur der Zugang zum All, sondern auch der Zugang zur Verwertungskette auf der Erde.
Der wirtschaftspolitische Horizont
Der neue Weltraum‑Boom ist kein isoliertes Technologiephänomen. Er stellt klassische Fragen wirtschaftlicher Steuerung (Weinzierl 2018):
- Wie lassen sich öffentliche und private Investitionen so verzahnen, dass sie sowohl Innovation als auch Wettbewerbsfähigkeit fördern?
- Welche Formen von Regulierung oder Marktöffnung braucht ein Raum mit knappen Orbits und Frequenzen, aber globalem Nutzen?
- Und wie kann europäische und Schweizer Wirtschaftspolitik sicherstellen, dass der Zugang zu orbitalen Daten und Diensten langfristig erhalten bleibt?
Diese Fragen könnten in den kommenden Jahren ähnlich vehement diskutiert werden wie heute Klimaziele oder Energiepolitik. Weltrauminfrastruktur wird weiter an Bedeutung gewinnen.
Fazit
Die Weltraumökonomie dreht sich – wie seit ihren Anfängen – weiterhin um die Erde. Doch gerade in dieser Verbindung liegt ihr Potenzial: Die Kombination aus neuen Produktionsbedingungen im All und etablierten Märkten auf der Erde, insbesondere auf Weltraumdaten aufbauenden Anwendungen und Diensten, eröffnet Chancen für Innovation, industrielle Transformation und strategische Positionierung. Für Europa und die Schweiz bedeutet das: Die Raumfahrt ist nicht mehr nur ein Forschungsfeld, sondern zunehmend ein wirtschaftlicher .
Damit dieser Gestaltungsraum genutzt werden kann, braucht es in den kommenden Jahren belastbare ökonomische Entscheidungsgrundlagen: Wie gross ist die Wertschöpfung der Schweizer Raumfahrt in Upstream- und Downstream-Märkten? Wie wirken öffentliche Ankerinvestitionen auf private Investitionen? Und wie lassen sich knappe Orbit- und Frequenzressourcen effizient zuteilen? Mit der Beurteilung zu Copernicus liegen dafür bereits erste Erfahrungen vor, an die sich bei künftigen Fragestellungen zur Schweizer Raumfahrt anknüpfen lässt.
Fussnoten
[1] Hierbei ist zu vermerken, dass diese Zahl auch durch Fortschritte in der Weltraumökonomie ermöglichte Wertschöpfung («space enabled») inkludiert.
[2] Siehe https://www.beyondgravity.com/en/news/back-moon-beyond-gravity-supports-nasas-artemis-ii-mission.
Referenzen
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Chavy-Macdonald Marc-André, Cornet Benoit, Foray Dominique, Puls René (2024). „Die Schweiz blickt in Richtung Weltraum“. Die Volkswirtschaft, 1. Oktober 2024.
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Gaetani Ruben, Whalley Alexander T. (2026). „Old Space, New Space: A Commercial Revolution in Innovation?“. NBER Working Paper 35212.
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Irwin Douglas A., Klenow Peter J. (1994). „Learning-by-Doing Spillovers in the Semiconductor Industry“. Journal of Political Economy. 102(6), pp. 1200–1227.
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Klepper Steven (1996). „Entry, Exit, Growth, and Innovation over the Product Life Cycle“. American Economic Review. 86(3), pp. 562–583.
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Kropf Catherine, Schwab Martina (2026). „Warum die Schweiz in den Weltraum investiert“. Die Volkswirtschaft, 27. Januar 2026.
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Mowery David C., Rosenberg Nathan (1999). Paths of Innovation: Technological Change in 20th-Century America. Cambridge University Press, Cambridge.
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Swiss Economics (2025). Volkswirtschaftliche Beurteilung eines Beitritts der Schweiz zum Copernicus-Programm. Studie im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU).
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Terzi Alessio, Nicoli Francesco (2026). „From Sputnik to Starship: Estimating the experience curve of space launch technology“. PNAS Nexus. 5(7), 217.
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Weinzierl Matthew (2018). „Space, the Final Economic Frontier“. Journal of Economic Perspectives. 32(2), pp. 173–192.
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Wilkinson Ashley R., Brewer Frances, Wright Hannah, Whiteside Ben, Williams Amari, Harper Lynn, Wilson Anne M. (2024). „A meta-analysis of semiconductor materials fabricated in microgravity“. npj Microgravity. 10(1), 73.
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World Economic Forum (2024). Space: The $1.8 Trillion Opportunity for Global Economic Growth.